Warum man die Verlierer der Globalisierung entschädigen sollte

Von Nora Kolhoff

Der weltweite Handel bringt viele Vorteile – allerdings auf Kosten bestimmter Menschen. Würde man diese „Verlierer“ entschädigen, gäbe es so manchen Handelsstreit vielleicht gar nicht. Geld reicht hierfür nicht.

Die Globalisierung hat die Armut in der Welt  drastisch verringert. Das ist unter Forschern weitgehend unumstritten. Länder, die handeln, stehen besser da als Länder, die nicht handeln. Sie können sich auf Produkte spezialisieren, die sie wirklich gut herstellen können und sie in die ganze Welt verkaufen. Gleichzeitig kaufen sie auf dem Weltmarkt die Waren sehr billig, die im eigenen Land nur teuer oder gar nicht hergestellt werden.

Heute können wegen des Außenhandels mehr Menschen lesen und schreiben. Sie leben im Schnitt deutlich länger und viel weniger Kinder müssen sterben. Ist  der freie Handel also ein Wundermittel zur Weltverbesserung?

Nein. Die schönen Nachrichten beziehen sich immer auf absolute Verbesserungen in einem Land. Durchschnittlich geht es den Menschen in einem Land, das handelt, besser als in einem Land, das nicht handelt. Einzelne verlieren mitunter enorm viel.

„Die Schneider und Stahlarbeiter von gestern sind nicht die Mechatroniker oder Unternehmensberater von morgen. Man trifft sie eher hinter der Supermarktkasse wieder.“
Prof. Jens Südekum

Beispiel: Der Schneider. Als es noch keine EU gab und viel weniger internationale Großkonzerne – kurzum, mehr Tante Emma und weniger H&M – hatte ein Schneider in Deutschland eine ziemlich überschaubare Konkurrenz. Mit dem Markteintritt großer Textilfabriken sank aber der Preis, den er für ein Hemd nehmen konnte und damit auch sein Lohn. Als die Firmen die Produktion ins Ausland verlagerten, musste er mit seinem Preis noch weiter runter gehen. Viele Schneider machten ihre Geschäfte irgendwann zu. Zu solchen Verlierern der Globalisierung forscht der erste Gast unserer Ringvorlesung, Jens Südekum.

Jens Südekum ist Professor für internationale VWL an der Universität Düsseldorf. Er leitet das Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie und gehörte laut FAZ-Ranking 2016 zu den hundert einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. Im kommenden Jahr könnte er als Nachfolger Peter Bofingers zu den Wirtschaftsweisen berufen werden.

Eines seiner wichtigsten Ergebnisse: Innerhalb insgesamt reicher Länder wächst mit dem Freihandel die Ungleichheit. Manchen Menschen geht es wegen des Freihandels viel besser, andere werden abgehängt. Für Deutschland hat sich Südekum diese Unterschiede genau angesehen.

Die Globalisierungsgewinner und -verlierer Deutschlands

Das Ruhrgebiet hatte zum Beispiel vor allem auf Kohle und Stahl gesetzt und ist klarer Verlierer. Ähnlich geht es Oberfranken, wo Spielwaren und Elektrogeräte hergestellt werden.

Trotzdem ziehen die meisten Arbeiter aus den Verliererregionen nicht in die exportstarken Gebiete. Oft haben sie den Großteil ihres Lebens an einem Ort verbracht. Sie wollen weder Wohnung noch Freunde und Familie verlassen. Für die Region ist das eine Abwärtsspirale: Junge, ungebundene Menschen ziehen weg, nur Ältere bleiben. Neue Entwicklung bleibt aus.

Wo viele Globalisierungsverlierer leben, ist die AfD meist sehr stark

Und wenn ganze Regionen in einem Land abgehängt werden, bleibt das politisch nicht ohne Folgen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wurde die AfD in Westdeutschland vor allem in den einkommensschwachen Regionen häufig gewählt, in denen viele Menschen in der Industrie arbeiten. Im Osten bekam sie in alternden Gebieten viel Unterstützung.

Noch stärker lässt sich diese Polarisierung in den USA beobachten. In vielen ehemals reichen Kohle- und Stahlregionen haben die Menschen Probleme. Sie sind deutlich ärmer als der Rest des Landes, werden schneller alkoholkrank und haben eine kürzere Lebenserwartung. Insgesamt fünf Millionen Arbeitsplätze gingen in den dortigen Industrien verloren. Gerade in solchen Regionen hatte Donald Trump Erfolg, der im Wahlkampf versprach, die amerikanischen Jobs aus China zurürckzuholen. Hätte er die traditionell eigentlich demokratisch wählenden Gebiete nicht für sich gewinnen können, wäre er jetzt nicht Präsident.

Jens Südekum in unserer Ringvorlesung.

Was also tun? Trump setzt darauf, die amerikanische Wirtschaft abzuschotten. Er versucht, billige Importe aus anderen Ländern durch hohe Zölle (z.B. auf Stahl und Aluminium) zu verhindern. “Trumps Politik ist keine Lösung”, sagt Südekum jedoch. Die Arbeitsplätze der Industriearbeiter könne man nicht durch Abschottung zurückholen. Denn herrschende Meinung in der Wissenschaft ist, dass von den fünf Millionen Arbeitsplätzen “nur” etwa eine Millionen aufgrund der Globalisierung verloren gingen. Die restlichen wurden durch Roboter und schnellere Maschinen ersetzt.

“Die Lehrbuchantwort wäre, diese abgehängten Menschen mit Geld zu entschädigen”, sagt Südekum. Klassische Umverteilung also. De facto könnte das das Problem aber bestenfalls nur kurz eindämmen. Denn ausgebildete Facharbeiter wollen oft nicht von Staatsgeldern leben. Das Selbstbild hängt stark mit dem Job zusammen.  Außerdem würde ein bisschen mehr Geld auf dem Konto die abgehängten Regionen nicht plötzlich wieder zukunftsfähig machen. Um wirklich nachhaltig für mehr Fairness im globalen Handel zu sorgen, müsse daher eine Stärkung der Verliererregionen her. Eine Alternative zu Trumps Abschottungspolitik wäre:  “Make Ruhrgebiet great again!”

Hier findet ihr die Folien des Vortrags zum Download. 

Hier geht’s zur Videoaufzeichnung des Vortrags. 

 

Autorin: Nora Kolhoff

“Ich blogge für die Ringvorlesung, weil mich interessiert, wie Handel nachhaltiger und gerechter gestaltet werden könnte. Ich hoffe, dass die Dozenten, anders als ich es in den Grundfächern VWL an der Uni Köln kennengelernt habe, auch außerhalb des Rahmens denken. Deshalb freue ich mich insbesondere auf Fragestellungen wie: Warum wir Freihandelsverlierer*innen entschädigen müssen oder welche Rolle die Monopolisierung durch Riesenkonzerne spielt. Und ich bin gespannt auf Kritik und Anmerkungen zu meinen Texten!”

 

Kommende Woche geht es weiter mit Prof. Peter Fäßler:  Free Trade – Fair Trade? Anmerkungen zu internationalen Handelspolitiken und -praktiken seit dem 19. Jahrhundert

Videoaufzeichnung der Vorlesung zu Freihandelsverlierern

Am 11. April hat uns der renommierte Globalisierungsforscher Jens Südekum seine Forschung zu den Verlierern von Freihandel vorgestellt. Hier könnt ihr die Vorlesung nachträglich anschauen:

Südekums Vorlesungsfolien könnt ihr hier herunterladen.

Wenn ihr das Video lieber auf den Servern der Uni Köln anschauen wollt, geht das hier ( = bessere Auflösung als auf YouTube)

Anmeldung zum Newsletter

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Wir planen, einmal pro Woche eine Ankündigung auf die kommende Veranstaltung und ggf. einen Rückblick mit Hinweisen auf Videos und Blogbeiträge zu verschicken.

Ankündigung: 1. Sitzung – Jens Südekum: Gewinner und Verlierer des Freihandels

 

Wenn Nationen ihre Grenzen für den Warenverkehr öffnen, dann vergrößert das den weltweiten Wohlstand. Das ist unter Ökonom*innen kaum umstritten. Doch heißt das auch, dass jede*r Einzelne vom Freihandel profitiert?

Nein, sagt Jens Südekum. Er ist Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf den Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt. Freihandel schaffe zwar einen Wohlfahrtsgewinn für die Gesellschaft – bringe dabei aber auch Gewinner*innen und Verlierer*innen hervor.

Wer gewinnt und wer verliert? Und was muss die Politik tun, damit Freihandel sich für alle auszahlt?

Am  Mittwoch, den 11.4. wird Professor Südekum uns diese Fragen beantworten. Sein Vortrag wird um 17:45 Uhr beginnen und etwa eine Stunde dauern. Danach bleibt noch eine halbe Stunde für Eure Fragen.

Wo? Hörsaal XXIV (Wiso-Gebäude), Uni Köln.

Hier geht’s zur Facebook-Veranstaltung

Mehr als 160 Anmeldungen

Es haben sich in der gerade abgelaufenen Belegphase 164 Studierende für die Ringvorlesung angemeldet. Wir freuen uns sehr über so viel Interesse!

Übrigens: Wer die Anmeldung verpasst hat, kann sich auch in der Restplatzvergabe ab dem 10. April noch anmelden.

Wenn ihr aus Interesse zu einer oder mehreren Veranstaltungen kommen wollt, müsst ihr euch aber gar nicht unbedingt anmelden. Das ist nur notwendig, wenn ihr die Teilnahme im Studium Integrale angerechnet bekommen wollt.

Wir freuen uns auf euch! Bis bald!

(Kleines Update vom 14. April: Mittlerweile haben wir sogar 215 Anmeldungen. Danke dafür!)

Anmeldung für die Ringvorlesung ab jetzt möglich

Ab heute kann man sich über die Uni-Server für unsere Ringvorlesung anmelden. Das ist vor allem für diejenigen unter euch relevant, die sich die Teilnahme im Studium Integrale anrechnen lassen wollen. Damit wir wissen, mit wie vielen Teilnehmern wir ungefähr rechnen können, wäre es auch schön, wenn andere Interessenten sich über KLIPS2 anmelden. Ihr werden damit außerdem automatisch auf einen E-Mail-Verteiler gesetzt, über den wir euch über kurzfristige Änderungen informieren können.

Die Anmeldung zur Veranstaltung ist allerdings nicht gleich die Anmeldung zur Prüfung! Wer die Ringvorlesung im Studium Integrale angerechnet bekommen möchte, muss sich nach der Belegung ebenfalls für die Prüfung anmelden.

Die Ringvorlesung hat die Lehrveranstaltungsnummer 14287.000. In Klips2 findet ihr sie hier. Wir freuen uns auf euch!

Blogger*innen gesucht

Wir suchen für die kommende Ringvorlesung noch kluge Mitdenker und Mitdenkerinnen, die Lust haben, Blogartikel zu den Vorlesungen zu produzieren.

Bei dem Verfassen sind euch prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Ihr könnt kommentieren, erklären, philosophieren, umschwänglich zustimmen oder treffsicher kritisieren. Auch die Form könnt ihr wählen, wie ihr mögt. Ob Text, Videostatement oder kurzer Podcast: Ihr macht das, worauf ihr Lust habt und was euch sinnvoll vorkommt.

Ziel der Beiträge ist es, die Vorlesungen zu reflektieren und eine studentische Perspektive auf unsere Vorlesungen zu geben. Wir wollen so die Diskussion über die Sitzung im Hörsaal hinaus tragen – so könnt ihr durch eure Texte zum Nachdenken anregen und/oder Diskussionen auf Facebook lostreten.

Was wir euch bieten:

  • Publikation auf dieser Website
  • Teilen der Beiträge über unsere Social-Media-Kanäle
  • Bescheinigung über euren ehrenamtlichen Einsatz (wenn ihr das wollt)
  • Feedback zu Stil und Textaufbau von Absolventen der Kölner Journalistenschule (wenn ihr das wollt)

Meldet euch bei Interesse gerne unter ringvorlesung@oikos-koeln.org

Hier gibt es Beispiele zu Blog-Beiträgen zu der Ringvorlesung aus 2017.